3. Die Zwischenkriegszeit
Für die Piloten begann nach dem Krieg das grosse Abenteuer "Luftfahrt": Diverse Weltrekorde wurden im Höhenflug, im Streckenflug, im Zeitflug und anderen Flügen aufgestellt. Dazu gehört auch die Atlantiküberquerung von Charles Lindbergh mit seiner "Spirit of St.Louis" am 21. / 22. Mai 1927, als er in 33 1/2 Stunden von New York nach Paris flog.
3.1 Entwicklung der Luftfahrt in Deutschland
Am 10. Januar 1920 trat der Versailler Friedensvertrag mit seinem eisernen Zugriff auf Deutschland in Kraft. Er trieb das Land mit den strikten Entmilitarisierungsbestimmungen, der Beschränkung des Handels und den zum Staatsruin führenden Reparationsforderungen noch weiter in die Verzweiflung. Je deutlicher sich die Deutschen des Umfanges ihrer Niederlage und der vernichtenden Auswirkungen des Vertrags bewusst wurden, desto empörter reagierten sie, nannten den Vertrag ein Diktat und bezeichneten seine Unterzeichner Novemberverbrecher. Nur allzu bereitwillig schenkten breite Teile der Bevölkerung der sogenannten Dolchstosslegende Glauben, derzufolge Deutschland nicht im Felde besiegt, sondern hinterrücks durch die von politisch Linksstehenden entfachte Revolution in der Heimat in die Katastrophe geführt worden sei.
In den Monaten nach dem Waffenstillstand von 1918 hatten die Verantwortlichen der Weimarer Republik angenommen, sie würden als Gleichberechtigte an den Friedensverhandlungen teilnehmen. Sie hatten sich mit ausführlichen Argumenten und Denkschriften auf die Pariser Friedenskonferenz vorbereitet. Nach der Einstellung der Kampfhandlungen, der Abdankung des Kaisers und der Auflösung der Reichsregierung, nach der Bildung einer neuen Regierung und der Eindämmung des Kommunismus vertrauten sie darauf, dass die Alliierten in Anerkennung all dieser Massnahmen ihrem Land einen angemessenen und ehrenhaften Platz in der Welt einräumen würden. Statt dessen wurde die deutsche Delegation lediglich ein einziges Mal in das Versailler Schloss geladen, wo ihr eine einzelne Abschrift des 75'000 Wörter umfassenden Vertragsentwurfs ausgehändigt wurde. Falls der Vertrag nicht innerhalb kurzer Zeit unterzeichnet sei, so wurde ihr bedeutet, würden die Kämpfe weitergehen.
Obwohl die deutsche Delegation eigentlich keine andere Wahl hatte, wehrte sie sich gegen eine solche Behandlung. Doch es war unvermeidlich, den Vertrag zu unterschreiben, welcher unter anderem die Demontage der deutschen Industrie und den Abbau der militärischen Einrichtungen, einschliesslich der vollständigen Auflösung der Fliegertruppe, vorschrieb, was Deutschland feindlichen Angriffen praktisch wehrlos auslieferte.
3.2 Einschränkungen durch denVertrag von Versailles
Von den insgesamt 440 Artikeln des Vertrags reichten fünf aus, um das Schicksal der ganzen Luftstreitkräfte des besiegten Landes zu besiegeln. Artikel 198, der erste der fünf, machte die Absicht klar: "Die Streitkräfte Deutschlands dürfen kein militärisches oder maritimes Luftfahrtwesen einschliessen." In den folgenden beiden Artikeln wurden die Demobilisierung der Fliegertruppe gefordert und die Rechte der Alliierten im deutschen Luftraum festgelegt. Artikel 201 untersagte auf die Dauer von zwei Jahren die Herstellung und Einfuhr von Luftfahrzeugen oder Teilen davon. Diese Regelung betraf auch Flugzeugmotoren mitsamt Ersatzteilen. Der letzte Artikel verfügte, dass das ganze militärische Luftfahrzeugmaterial innerhalb von drei Monaten auszuliefern sei, vom kompletten Flugzeug bis zu Ersatzteilen für Fluginstrumente. Insgesamt erhielten die Alliierten etwa 15'000 deutsche Flugzeuge und 28'000 Flugmotoren. Der grösste Teil des Materials wurde verschrottet.
3.3 Ziel der Deutschen
Hans von Seeckt, der nach dem Krieg zum Chef der Heeresleitung der kleinen verbliebenen Reichswehr ernannt worden war, wollte sich um jeden Preis wieder eine Luftwaffe aufbauen. Aus diesem Grund suchte Hauptmann Kurt Student ehemalige Heerespiloten auf, die sich aus Schrott Segelflugzeuge bauten. Bald flossen den besten Segelflugzeugbauern finanzielle Mittel zu. Die Geldgeber forderten dazu auf, auch militärische Komponenten zu berücksichtigen. Die Aufgabe von Student war es nämlich, die Liebe zur Fliegerei in militärisch nutzbare Bahnen zu lenken. Einige empörten sich aber, als Seeckt einen Gedenkstein auf einem von den Segelfliegern benutzten Berg aufstellen liess, der die Inschrift trug: "Wir toten Flieger blieben Sieger durch uns allein. Volk, flieg du wieder, und du wirst Sieger durch dich allein!" Sie meinten voller Zorn, dass sie des Fliegens wegen hierher gekommen waren und nicht, um irgendwelche Racheakte vorzubereiten.
Auch unter den Konstrukteuren gab es zwei Lager: So wollte zum Beispiel Professor Hugo Junkers seine Fähigkeiten ausschliesslich zum Wohl aller einsetzen und träumte von einem durch die Luftfahrt bereicherten Leben, während Konstrukteure wie Ernst Heinkel und Willy Messerschmitt jederzeit bereit waren, ihren Beitrag zu leisten, falls Deutschland sich für einen neuen Krieg wappnen sollte.
In beiden Gruppen gab es Männer, die von vornherein wussten, was sie taten, und andere, die erst viel später entdeckten, woran sie beteiligt gewesen waren.
Trotz grossen Anstrengungen gelang es den Alliierten nur für einige Jahre, die Deutschen daran zu hindern, Flugzeuge zu bauen.
Am 5. Mai 1922 wurde das generelle Verbot der deutschen Flugzeugproduktion durch die sogenannten Begriffsbestimmungen ersetzt, die den Bau von Zivilflugzeugen zuliessen, deren Grösse und Leistung aber sehr stark beschränkten.
Nun enttarnten sich die Flugzeugwerke und machten sich augenblicklich daran, Zivilflugzeuge zu bauen, die sich ohne grosse Anstrengungen umbauen liessen.
Heinkel gab sich aber nicht mit Zivilflugzeugen zufrieden. Heimlich entwickelte er Kampfflieger, welche er an Japan und die Vereinigten Staaten lieferte, die sich nicht an seiner Produktivität störten, solange sie daraus Nutzen ziehen konnten.
Andere Flugzeughersteller wichen einfach in andere Länder aus. So eröffnete Claudius Dornier zunächst Werke in der Schweiz und in Italien.
Auf diese Art entstanden innerhalb weniger Jahre nach Kriegsende die personellen und technischen Voraussetzungen für die von General von Seeckt angestrebte neue Luftwaffe. Aber Piloten lassen sich nicht herbeiplanen: Piloten müssen fliegen. Im überwachten Deutschland konnte man trotz der vielen neuen Luftsportvereine keine Scheinluftkämpfe inszenieren. Deshalb wandte sich von Seeckt der Sowjetunion zu.
Deutschland und Russland waren streng genommen noch immer Feinde, doch beide kämpften um ihr Überleben und waren auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Im Jahr 1922 begann so die geheime Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Gegen die Verpflichtung zur Ausbildung von sowjetischen Piloten erhielten die Deutschen das Recht, 48 Kilometer südlich von Moskau in Lipezk eine eigene, geheime Luftwaffenbasis einzurichten. Um zwei Startbahnen entstanden Hallen, Ladedocks, Konstruktions- und Reperarurwerften. Im Sommer 1925 wurde der Flugplatz als Schulungs- und Erprobungszentrum in Betrieb genommen.
Gleichzeitig wurden all die kleinen Inlandfluglinien zur Lufthansa zusammengefasst.
1929 wurde Erhard Milch, der Nachfolger von Seeckts, zusammen mit Hermann Göring ins Parlament gewählt. Göring hatte in Schweden Fallschirme verkauft und war Verkehrsmaschinen geflogen. Als er nach Deutschland zurückkehrte, schloss er sich 1921 Hitlers Nationalsozialistischer Arbeiterpartei an. Hitler kam das Ansehen, das Göring als letzter Kommandeur des Richthofen-Geschwaders und Kriegsheld genoss, für die Partei sehr gelegen.
Am 30. Januar 1933 ernannte der Reichspräsident Hitler zum Reichskanzler.
Wenige Monate später wurde Göring zum Chef des neuen Luftfahrtsministeriums ernannt. Göring und Milch kamen nicht gut miteinander aus, da sie sich bei ihrer Karriere dauernd im Weg standen. So gespannt das Verhältnis zwischen den beiden auch war, Göring konnte nicht auf Milch als Organisator verzichten, da dieser Hitlers Idee verstand, die Luftwaffe zum Stützpfeiler eines starken Deutschland und zum Mittel zur Durchsetzung einer aggressiven Aussenpolitik zu machen.
Um wachsame Alliierte und pazifistisch veranlagte Deutsche davon zu überzeugen, dass Deutschland schwach und wehrlos war, liess er die Zeitungen berichten, Flugblätter seien von fremden Flugzeugen über Berlin abgeworfen worden. Damit erreichte er, dass sich die Bevölkerung einer möglichen Bombardierung Berlins bewusst wurde. Durch das Volk erhielt er Unterstützung, den Versailler Vertrag zu umgehen.
Anfangs Juli 1934 hatte Milch ein Luftrüstungsprogramm über mehr als 4000 Flugzeuge erstellt, die bis Ende September 1935 geliefert sein sollten. Das Programm beinhaltete nebst Doppeldeckern für Schulungszwecke auch moderne Maschinen. So zum Beispiel die He111, einen zehnsitzigen, mit zwei neuen leistungsstarken Daimler-Benz-Motoren ausgerüsteten Ganzmetall-Tiefdecker. Die He111 war ein schlecht getarnter Bomber, dessen als Bombenschacht konstruierter Rumpfmittelteil bei der Lufthansa die Bezeichnung "Raucherabteil" trug.
3.4 Die Verwendung der Luftwaffe
1935 annullierte Hitler abrupt und einseitig die militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrages, indem er im März die Existenz der deutschen Luftwaffe und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht bekanntgab. Sofort wurden die deutschen Rüstungsanstrengungen forciert. Die Konzeption des "Blitzkrieges" wurde entwickelt, des Krieges mit gepanzerten Heeresverbänden und taktisch enger Luftunterstützung.
Die Militärs waren derart vom Konzept überzeugt, dass ausser Oberst Walther Wever niemand daran dachte, schwere Langstreckenbomber zu produzieren, die sich für strategische Einsätze eignen würden.
Nach Wevers tödlichem Flugzeugabsturz befahl Göring, das ganze Projekt einzustellen, als er erfuhr, dass die deutsche Rüstungsindustrie anstelle von zwei viermotorigen Bombern fünf zweimotorige Bomber produzieren konnte. Mit diesem Befehl nahm er der Luftwaffe unbewusst einen Trumpf aus der Hand.
Trotz zahlreicher produzierter Flugzeuge lief die ganze Planung und Organisation darauf aus, überraschend zuzuschlagen und schnelle Erfolge zu erzielen, nicht aber einen langen Krieg durchzustehen.
"Der Führer wollte die Luftwaffe als politische Waffe benutzen, und zwar lange bevor ihr Aufbau als taktische Waffe abgeschlossen war." So behauptete Hitler, als er die Existenz der Luftwaffe bekanntgab, dass sie bereits die Grösse der RAF, der Royal Air Force, erreicht habe. Dies entsprach zwar nicht den Tatsachen, versetzte den Engländern aber einen tüchtigen Schreck.
Von nun an wurde die Luftwaffe zum Gegenstand der Übertreibung, zum Propagandainstrument, mit dem man das deutsche Volk begeistern und mögliche Feinde einschüchtern konnte. Falsche Informationen über ihre Stärke wurden in die Welt gesetzt, Gerüchte den Journalisten zugespielt, deutsche Maschinen mit hochgezüchteten Spezialmotoren als Standardmuster ausgegeben, wenn sie bei Wettflugveranstaltungen siegten. Das Ganze ging so weit, dass man Staffeln mehrmals am Tag umspritzte, um den Anschein zu erwecken, es seien weit mehr im Einsatz.
Der schnelle Erfolg, den Hitler mit dem ersten unverhüllten Beweis seines Expansionsdrangs errang, sollte für die Welt verheerende Folgen haben.
"Es war die deutsche Luftwaffe", sagte der amerikanische General Carl Spaatz, "die die Diplomatie der Welt beherrschte und Ende der dreissiger Jahre für Hitler die unblutigen, politischen Siege errang."
3.5 Besondere Ereignisse
Als der spanische General Francisco Franco die deutsche Regierung darum bat, seine Militärrevolte gegen die republikanische Regierung zu unterstützen, waren die Diplomaten voller Zweifel. Die Einmischung Deutschlands in die inneren Angelegenheiten Spaniens würde bei den europäischen Mächten nicht gerade freundlichen Anklang finden. Doch Admiral Wilhelm Canaris, der Franco mehrere Male in Spanien besucht hatte, stellte ihm eine ausgezeichnete Bürgschaft aus und beschrieb Franco als einen bewährten Mann, der volles Vertrauen und Unterstützung verdiente. Das genügte, um die Zweifel der Diplomaten in den Wind zu schlagen.
Hitler zögerte nicht lange, die spanischen Nationalisten heimlich zu unterstützen und zunächst Transportflugzeuge zu entsenden, die Francos abgeschnittene Truppen nach Spanien bringen sollten. Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, verfolgte mit dem Spanienunternehmen folgendes Ziel: Es bot, so sagte er Jahre danach, die Möglichkeit, "meine junge Luftwaffe in diesem oder jenem technischen Punkt zu erproben".
Am 27. Juli startete die erste Ju52 zu einem Truppentransportflug. Weitere Maschinen folgten. Sie flogen so die erste in grösserem Rahmen angelegte Truppenverschiebung über die Luftwege. So hatte ein kleines, aber ernstes Militärunternehmen seinen Lauf genommen.
Ausser den Besatzungen der Transportmaschinen waren daran 86 Freiwillige beteiligt, die zusammen mit sechs in Kisten verpackten Jägern vom Typ He51 und zwanzig zum Schutz der Transporter bestimmten Flugabwehrkanonen die Seereise nach Spanien antreten sollten.
Um die Verlegung eines so umfangreichen Personalkontingents zu tarnen, gründete die Luftwaffe die Union-Reisegesellschaft und bezeichnete die jungen Freiwilligen als Urlauber.
Auf dem Flugplatz in Sevilla angekommen, machten sich die "Urlauber" daran, die Flugzeuge zu montieren und die Flugabwehrgeschütze aufzustellen.
Tag für Tag traf weiteres Personal und weiterer Nachschub in den grossen dreimotorigen Junkers-Transportmaschinen, deren Flügel bis vor kurzer Zeit noch mit dem Lufthansa-Emblem geschmückt waren, in Spanien ein. In den zwei Monaten kam genügend Ware zusammen, dass Franco den Angriff wagen konnte.
Was dann die brutalen Auseinandersetzungen nicht zu Ende gehen liess, waren die Waffen, die technische Hilfe und das Personal, mit denen andere Länder beide Seiten unterstützten. Sie sahen Spanien als ein Erprobungsfeld an, auf dem sie ihre Waffen und Taktiken testen und für den Weltkonflikt perfektionieren konnten, der sich immer deutlicher am Horizont abzeichnete. Grossbritannien, die Vereinigten Staaten und auch Frankreich hielten sich zurück, in der Hoffnung, den grösseren Krieg vermeiden zu können. Die Sowjetunion, Italien und Deutschland hingegen griffen direkt ein. Diese Nationen machten Spanien zu einem Testfeld der Theorien, die sie in über zwei Jahrzehnten für den Einsatz ihrer Luftstreitkräfte entwickelt hatten. Die letzten Luftkämpfe hatte es in Westeuropa im Jahre 1918 gegeben. Jetzt waren diese Länder im Begriff, mit den Methoden des 20. Jahrhunderts alle Schrecken des modernen Luftkriegs zu entfesseln.
Den Kern der deutschen Kriegshilfe bildete die Legion Condor, eine Einheit von Freiwilligen, die wenige Monate nach dem Start der ersten Transportflugzeuge aufgestellt worden war. Ihre Aufgabe war die Beherrschung des Luftraumes. Um die deutsche Hilfe für Franco zu tarnen, trugen die Angehörigen der Legion Condor ähnliche Uniformen wie die Spanier.
Die Legion Condor machte viele Erfahrungen, doch die folgenschwersten waren wohl die zahlreichen Erfolge bei taktischen Einsätzen. Durch die Wirksamkeit der Flugzeuge gegen Militärkolonnen davon überzeugt, dass sich Flugzeuge nur taktisch sinnvoll einsetzen liessen, verpasste man es, die Möglichkeiten einer strategischen Luftkriegsführung näher zu untersuchen.