2. Der 1. Weltkrieg
2.1 Verwendung der Luftwaffe
"Die Luft wird ein weiteres Schlachtfeld werden, nicht weniger bedeutend als die Schlachtfelder zu Land und zur See. Um die Luft zu erobern, muss man dem Feind jede Möglichkeit des Fliegens nehmen, indem man ihn in der Luft, an seinen Operationsbasen oder an seinen Produktionsstätten angreift. Wir sollten uns mit diesem Gedanken vertraut machen und uns darauf vorbereiten", mahnte Douhet.
Anfangs des Krieges diente die Luftstreitkraft fast ausschliesslich der Luftaufklärung. Die Flugzeuge selbst waren nicht bewaffnet, doch die Piloten trugen Revolver bei sich, um sich im Falle eines Absturzes im Feindesgebiet durchschlagen zu können. Vermehrt ergab es sich dann, dass Piloten damit vom Flugzeug aus aufeinander schossen oder sich mit Ziegelsteinen bekämpften. Dabei ging es vor allem darum, den Feind am Beobachten und Aufklären zu hindern.
Im weiteren Verlauf des Krieges ging man dazu über, den Feind der Luftherrschaft wegen zu bekämpfen, denn die Luftherrschaft wirkte sich sehr motivierend auf die eigenen Fussoldaten in den Gräben aus, die überflogen wurden, und zermürbte gleichzeitig die feindliche Armee. So rüstete man die Flugzeuge dann auch mit Maschinengewehren aus.
In der Anfangszeit der Bewaffnung mit Schusswaffen hatte man die Synchronisation mit dem Propeller noch nicht entwickelt, trotzdem wollte man aber durch den Propeller schiessen. Aus diesem Grund wurden am Propeller Schussabweiser angebracht, die die Kugeln ablenkten, so dass der Propeller nicht beschädigt wurde. Interessanterweise hatten die Franzosen die Idee, ein Maschinengewehr vorne aufs Flugzeug zu montieren, aber nicht die Möglichkeit, es zu unterbrechen, während die Deutschen das Synchronisationsgetriebe entwickelt hatten, ohne daran zu denken, dass man es in Flugzeugen anwenden könnte.
Mit der Bewaffnung kamen auch die Fliegerasse. So nannte man die Piloten, welche je nach Land mindestens 5 oder 10 bestätigte Abschüsse ausweisen konnten. So entstanden Ranglisten der Piloten, welche weit über die jeweiligen Landesgrenzen bekannt wurden. Der Deutsche Manfred Freiherr von Richthofen, auch als Roter Baron bekannt, war der beste Kampfflieger des 1. Weltkriegs mit 80 Abschüssen, der Franzose René Fonck brachte es auf 75 Abschüsse und Edward Mannock führte bei den Briten mit 73 Abschüssen.
2.2 Art der Helden
Ein Plakat des britischen Royal Flying Corps verkündete: "Der Krieg in der Luft erinnert an die alten Zeiten, da Ritter in die Schlacht zogen und durch ihre persönlichen Heldentaten Ruhm und Ehre ernteten." Weil der Luftkrieg Romantik, Kampf, Abenteuer und Möglichkeiten zu ruhmreichen Taten versprach, hatten die Luftstreitkräfte keine Mühe, Freiwillige zu finden. Gerade wegen dieses Ruhmes lehnten es viele Piloten ab, Fallschirme zu tragen, da sie eine solche Sicherheitsmassnahme nicht mit ihrem Ideal von Tapferkeit vereinbaren konnten.
Die meisten Piloten waren ausgesprochene Tierliebhaber. Viele Staffeln hielten ein Tier als Maskottchen. Auf vielen Staffelfotografieen findet man deshalb Tiger, Löwen und ähnliche Kätzchen. Am vernarrtesten war wohl der einzige schwarze amerikanische Pilot des Krieges, Eugene Bullard. Während seiner Flüge trug er, versteckt in seinem Fliegeranzug, ein Äffchen bei sich.
Auffallend am Verhalten der Piloten war ihre Beziehung zu ihrem Flugzeug und dem Feind. Zu beiden verspürten sie eine Art Hassliebe, da von ihnen Lebensbedrohung ausging, andererseits aber auch die Möglichkeit, zu mehr Ruhm und Erfolg zu gelangen. Bei Beginn des 1. Weltkrieges betrachteten viele Piloten den Luftkrieg als eine Art Spiel. Es wird berichtet, dass ein von Immelmann abgeschossener Pilot notlanden konnte. Als Immelmann neben ihm landete und den Piloten begrüsste, streckte ihm dieser seine Rechte entgegen, um ihm Komplimente über sein Geschick mit dem Maschinengewehr zu machen.
2.3 Das Jahr des Roten Barons
Im August 1916 suchte der Hauptmann Oswald Boelke, Träger der preussischen Auszeichnung "Pour le mérite", den unerfahrenen jungen Piloten Manfred Freiherr von Richthofen auf, um ihn zu seinem Schüler zu machen.
Boelke war mehr als nur das führende As seiner Nation: Er hatte sich den Ruf eines hervorragenden Lufttaktikers, Lehrers und Staffelführers erworben. Richthofen sollte sein überragenden Schüler werden, der den Meister allmählich sogar noch übertraf und zum Schrecken der alliierten Flieger wurde.
Doch bis dahin war es ein langer Weg. Seinen ersten Flugzeugkontakt beschrieb er folgendermassen: "Eine Verständigung mit dem Flugzeugführer war nicht möglich. Nahm ich ein Stück Papier heraus, verschwand es. Mein Sturzhelm verrutschte, der Schal löste sich, die Jacke war nicht fest zugeknöpft, kurz und gut, es war kläglich." Und all dies passierte, bevor das Flugzeug vom Boden abgehoben hatte. Sein erster Alleinflug endete mit einer Bruchlandung und bei seiner ersten Pilotenprüfung fiel er durch.
Mitte Januar 1917 erhielt auch Richthofen den lang ersehnten "Pour le mérite" vom Kaiser und wurde Staffelführer seiner eigenen Staffel.
Manfred Freiherr von Richthofen wurde geradezu legendär. Der Grund dafür mag in seinem Erfolg als Staffelführer und Kampfflieger zu finden sein, aber sicherlich war auch das knallige Rot seiner Maschine mitverantwortlich. Sofort wurde das rote Flugzeug auf beiden Seiten der Front berühmt. Alliierte Piloten, die es mit ihm aufnehmen mussten, prägten den Begriff 'Le Diable rouge'. In englischen Geschwadern ging das Gerücht um, das rote Flugzeug würde von einer deutschen Jeanne d'Arc gesteuert, denn nur eine Frau könne ein so auffälliges Flugzeug fliegen. Deutsche Zeitungen berichteten, dass die Engländer ein Jagdgeschwader gebildet hätten, dessen einzige Aufgabe es sei, die rote Maschine abzuschiessen. Die Belohnung betrage £5000 für den, der den Erfolg für sich verbuchen könne. Richthofen fragte scherzhaft, ob nicht vielleicht er selbst den Preis gewinnen könne, wenn er statt dessen das ganze Geschwader vom Himmel fege, und in zwei Monaten brachte er, wenn auch nicht das ganze Geschwader, so doch immerhin weitere zehn britische Maschinen zum Absturz.
Doch der Triumph der deutschen Flieger wurde durch das Kriegsgeschehen verdunkelt. Beim Kriegseintritt der USA am 6. April 1917 drohten die amerikanischen Politiker, den Himmel Europas mit einer Armada von 20'000 Flugzeugen zu verdunkeln. Gleichzeitig begannen britische Geschütze ein schweres Trommelfeuer, um einen Angriff auf die Hindenburglinie vorzubereiten. Doch was die Verdunkelung des Himmels anbelangte, so trug die "Luftflotte" der Vereinigten Staaten mit kaum mehr als 50 Flugzeugen, von denen nur ein einziges einsatzbereit war, nicht gerade dazu bei, dass die Drohung sehr ernst genommen wurde.
Der Rote Baron, wie man Richthofen auch nannte, wurde am 21. April 1918 vom kanadischen Hauptmann A. Roy Brown abgeschossen, als er das Flugzeug eines Freundes von Brown verfolgte. Richthofen ging in der Nähe eines von australischen Soldaten besetzten Grabens nieder.
Die Alliierten beerdigten ihren deutschen Hauptwidersacher mit allen Ehren, die seinem Rang gebührten. Von vielen benachbarten Staffeln wurden Kränze geschickt, etwa mit der Aufschrift: "Unserem ritterlichen und geschätzten Gegner." Der Beerdigung, die ein paar Tage später auf dem Friedhof von Bertangles, Frankreich, stattfand, wohnten etwa 50 alliierte Flieger bei.
2.4 Besondere Ereignisse
Die deutsche Luftkampftaktik beruhte darauf, möglichst als ganze Staffel anzugreifen. Luftakrobatik und andere Kunststücke waren verpöhnt. Nun stellt sich die Frage, wo denn die weltweit bekannte Kunstflugfigur "Immelmann", benannt nach dem Fliegeras Max Immelmann, ihren Ursprung hatte. Tatsächlich erwähnte Immelmann in keinem seiner Briefe den Immelmann-Turn, einen angesetzten Looping, gefolgt von einer halben Rolle. Im Gegenteil: Er sagte, dass er keine Tricks benutze, wenn er angreife. Eine britische Quelle behauptet, dass der Turn gar nicht Immelmanns Manöver war, sondern von einem alliierten Piloten so getauft wurde, der es benutzte, um einem Angriff von hinten durch den gefürchteten Deutschen zu entkommen.
2.5 Das Ende des 1. Weltkrieges
Am 11. November war der Krieg zu Ende. Die deutschen Fliegerstaffeln hatten den Befehl, ihre Flugzeuge den Franzosen auszuliefern. Doch Göring, Geschwaderkommandeur des Jagdgeschwaders Freiherr von Richthofen, wollte diesen Schandbefehl nicht ausführen, sondern das Geschwader nach Deutschland zurückführen. Um den Waffenstillstand nicht zu gefährden, bestimmte er durchs Los 5 Männer die ihre Flugzeuge den Franzosen brachten. Sie hatten die Anweisung, bei der Landung Bruch zu machen, so dass es Unmöglich war, die Flugzeuge noch zu verwenden. Der Rest des Geschwaders kehrte nach Deutschland zurück, und zwar nach Darmstadt, weit weg von den Gebieten, in denen sich alliierte Besatzungstruppen aufhalten würden.
Eduard Milch, der bei Kriegsende auch einen Jagdverband kommandierte, informierte seine Piloten über die beschämende Neuigkeit und ordnete den Rückzug nach Deutschland an. An der Grenze ermahnte er seine Männer, unter der Fahne des deutschen Reiches erhobenen Hauptes in die Heimat zurückzukehren.
Aber im deutschen Reich herrschten Hunger, Arbeitslosigkeit und Aufruhr.
Nur die Kinder begrüssten die heimkehrenden Flieger, der Rest der Bevölkerung liess sich nicht blicken, da sie den Jagdstaffeln die Schuld zuschoben, dass es feindlichen Bombern gelungen war, deutsche Städte zu bombardieren.
Ein paar Tage später versammelten sich Görings Piloten in einer Gastwirtschaft, um sich die schlechte Stimmung mit Alkohol zu vertreiben. Nach einiger Zeit trat Göring, das Glas in der Hand, auf ein kleines Podest. Einer der Anwesenden berichtete: "Er begann zu sprechen. Dabei erhob er kaum die Stimme, aber es lag ein besonderer emotionaler Ton darin, der uns unter die Haut und in unsere Herzen ging." Göring redete vom Jagdgeschwader Richthofen, von seinen Kämpfen und seinen Gefallenen. "Nur in Deutschland wird sein Name in den Schmutz gezogen, werden seine Taten vergessen, seine Offiziere verhöhnt",erklärte er.