Säugetiere
Säugetiere oder Säuger, Klasse der Wirbeltiere. Dazu gehören der Mensch und alle anderen Tiere, die ihre Jungen mit Milch säugen und deren Haut in der Regel ein Haarkleid trägt. Säugetiere haben von allen Tieren das am höchsten entwickelte Nervensystem. Die meisten Tiere dieser Klasse besitzen vier Gliedmaßen, die im Allgemeinen als Beine ausgebildet sind. Diese können aber (wie bei den Seehunden) zu Flossen oder (wie bei den Fledermäusen) zu Flügeln umgestaltet sein. Einige Arten haben Gliedmaßen, die zu kleinen Rudimenten im Körperinnern reduziert wurden (wie bei den Walen) oder überhaupt nicht mehr vorhanden sind (wie bei den Seekühen).
Alle Säugetiere, außer den Eier legenden Kloakentieren, gebären lebende Junge, welche die frühen Entwicklungsstadien im Körper des Muttertieres durchlaufen. Einige Säugetiere sind nach ihrer Geburt völlig hilflos, andere werden mit voll ausgebildetem Fell sowie mit geöffneten Augen geboren und können sofort laufen.
Die Größenunterschiede bei Säugetieren sind beträchtlich. So kann die größte Art, der Blauwal, länger als 30 Meter und 130 Tonnen schwer werden, während die Kopfrumpflänge der kleinsten Spitzmäuse, Mäuse und Fledermäuse weniger als fünf Zentimeter beträgt; eine thailändische Fledermausart wiegt als kleinstes Säugetier der Welt nur zwei Gramm. Manche Kleinsäuger werden nicht älter als ein Jahr, das Höchstalter für Säugetiere beträgt etwa 70 Jahre.
Anatomie
Die äußere Hülle des Säugetierkörpers besteht aus der Haut und ihren Anhangsgebilden (dem Integument). Die Haut ist mit unterschiedlich vielen Haaren bedeckt. Sie dient als Schutzschicht gegen mechanische Verletzungen und das Eindringen von Keimen. Außerdem spielt sie eine Rolle bei der Regulation des Wärme- und Wasserhaushalts. Bei vielen Säugetieren ist die Farbe der Haut oder des Felles der Umwelt angepasst – bei anderen besteht ein starker Kontrast zur natürlichen Umgebung, um optische Signale zu ermöglichen. Damit können Informationen über Artzugehörigkeit, Geschlecht, Alter oder den sozialen Status eines Individuums vermittelt werden. Des Weiteren fungiert die Haut als sensorisches und exkretorisches Organ; sie enthält spezialisierte Drüsenzellen.
Brustdrüsen sind bei allen ausgewachsenen, weiblichen Säugetieren vorhanden. Bei den männlichen und jungen weiblichen Tieren existieren sie nur in rudimentärer Form. Sie dienen dazu, die Jungtiere mit Milch zu versorgen. Bei fast allen terrestrischen Säugetieren hat man Schweißdrüsen festgestellt, sie fehlen jedoch z. B. beim Kapblessmull und dem Zweifingerfaultier. Aquatische Säugetiere – Wale, Delphine und Seekühe – haben keine Schweißdrüsen. Diese befinden sich im Allgemeinen an den Haarwurzeln und in Bereichen, wo die Haut in Schleimhaut übergeht, wie im Bereich der Lippen und Genitalien. Viele Säugetiere haben nur wenige Schweißdrüsen. Bei Hunden und Katzen z. B. sondern nur die Drüsen der Fußsohlen Schweiß ab.
An den äußeren Rändern der Augenlider befinden sich die Meibom-Drüsen. Sie sondern einen öligen Film ab, der den Bereich zwischen Augapfel und Augenlid bedeckt und schützt. Gleichzeitig verlangsamt er das Verdunsten der Tränenflüssigkeit, die den Augapfel befeuchtet. Absonderungen der Wachsdrüsen des Ohres verhindern das Eindringen von Staubpartikeln und kleinen Insekten in den Gehörgang. Bei vielen Säugetieren befinden sich Duftdrüsen im Integument verschiedener Körperteile. Die von den Drüsen abgegebenen Sekrete sollen Gegner abwehren oder das andere Geschlecht anlocken.
Ebenfalls in der Haut liegen die äußeren Öffnungen von Augen, Ohren und Nase. Alle Säugetiere haben zwei Augen. Bei vielen unterirdisch lebenden Tieren, wie dem Maulwurf, haben sie ihre Funktion ganz oder teilweise verloren oder sind mit Haut überwachsen. Die Ohren nicht aquatisch lebender Tiere besitzen in der Regel Ohrmuscheln: knorpelige Körperanhänge, die als Schalltrichter dienen. Bei aquatischen Säugetieren wie Seehunden und Walrossen sind die äußeren Teile des Ohres zu kleinen, schützenden Hautlappen reduziert; bei Walen sind nur noch kleine Löcher vorhanden.
Die inneren Organe der Säugetiere sind im Prinzip von den primitivsten bis zu den am höchsten entwickelten Tieren gleich. Die inneren Merkmale, welche Säugetiere von niederen Wirbeltieren unterscheiden, sind die zwei bis vier für das Sehvermögen zuständigen Gehirnlappen, das muskuläre Zwerchfell, welches Herz und Lungen von der Bauchhöhle trennt, sowie der einzelne Aortenbogen in der linken Körperhälfte. Weitere Merkmale sind das vierkammerige Herz mit zwei Vorhöfen und zwei Herzkammern sowie das Fehlen von Zellkernen in den roten Blutkörperchen.
Alle Säugetiere, außer den Seekühen und einigen Faultieren und Ameisenbären, haben sieben Halswirbel. Dieses Merkmal ist sowohl Giraffen und Walen als auch Mäusen und anderen sehr kleinen Säugern gemeinsam. Weitere einheitliche Skelettmerkmale der Säugetiere sind das Fußgelenk zwischen Schienbein und Fußwurzelknochen, die Kette kleiner Gehörknöchelchen und die Gelenkverbindung zwischen Dentale und Squamosum im sekundären Kiefergelenk des Schädels.
Fortpflanzung
Alle Säugetiere pflanzen sich geschlechtlich fort. Es gibt zwei Möglichkeiten einer sexuellen Vereinigung. Bei den primitiven, Eier legenden Säugetieren münden Exkretions- und Genitalorgane in eine gemeinsame Öffnung, die Kloake. Der Transfer der Geschlechtszellen vom Männchen zum Weibchen erfolgt durch das Aneinanderlegen der Kloaken. Bei allen anderen Säugetieren werden die Spermien durch Kopulation übertragen. Nach der Befruchtung findet die Entwicklung der Embryonen in der Regel vollständig im Mutterleib statt. Die Kloakentiere hingegen legen Eier, die mit einer ledrigen Schale und einem großen Eidotter ausgestattet sind.
Bei vielen Beuteltieren dauert die Embryonalentwicklung nur 10 bis 15 Tage; der größte Teil der Entwicklung findet nach der Geburt im Beutel des Muttertieres statt. Bei höheren Säugetieren (Plazentatieren) kann die Tragzeit bis 22 Monate (Elefanten) dauern. Die Jungen der Säugetiere sind nach der Geburt noch nicht so weit entwickelt, dass sie eigenständig existieren können; sie müssen während ihrer Jugendzeit betreut werden. Entwöhnt werden sie nach einem Zeitraum, der je nach Art 20 Tage bis vier Jahre dauern kann. Die Geschlechtsreife wird frühestens mit einem Monat und spätestens mit acht Jahren erreicht.
Geschichte
Säugetiere traten vermutlich erstmals im frühen Mesozoikum (dem Erdmittelalter) auf. Die meisten Zoologen nehmen an, dass sie von einer Gruppe ausgestorbener Reptilien, den Theriodontia, abgeleitet wurden, die bereits Säugetiermerkmale aufwiesen und im Trias lebten. Die frühesten Fossilien, die eindeutig als Säugetiere identifiziert werden konnten, stammen aus Gesteinen des Jura. Nach einer 1998 in der Zeitschrift Nature publizierten Mitteilung US-amerikanischer Forscher kam es möglicherweise schon 40 Millionen Jahre vor dem Aussterben der Dinosaurier zur Entwicklung der wichtigsten Säugetiergruppen.
Im Zeitalter des Jura existierten fünf Säugetierordnungen. Eine wurde durch kleine, nagetierähnliche Säugetiere gebildet, deren Schneidezähne als Nagezähne ausgebildet waren und deren Backenzähne mehrere Höcker trugen. Sie starben im Eozän aus. Eine zweite Ordnung bestand aus kleinen, Fleisch fressenden Säugetieren, deren Backenzähne drei einfache, kegelförmige Höcker trugen. Sie starben vor Ende des Eozäns aus. Vorfahren der heutigen Säugetiere waren vermutlich eine dritte Gruppe kleiner, Insekten fressender Säugetiere.
Von den Unterklassen der Säugetiere, die heute noch existieren, sind die Kloakentiere die einzigen, die fossil nicht dokumentiert sind. Die frühesten Fossilien der Beuteltiere und Plazentatiere stammen aus Gesteinen der Kreidezeit. Im Konkurrenzkampf mit den Plazentatieren waren die Beuteltiere nicht sehr erfolgreich. Zu Beginn des Eozäns beschränkten sie sich auf die Familie der Beutelratten in Nordamerika, einige heute ausgestorbene Familien in Südamerika sowie mehrere Familien in Australien. Die ältesten heute bekannten Fossilien von Plazentatieren wurden im westlichen Nordamerika und in Westeuropa gefunden. Diese Unterklasse entstand während der späten Kreidezeit. Fossilien belegen, dass sie sich während des Känozoikums (der Erdneuzeit) rasch ausbreiteten und so, außer in Australien, zur bedeutendsten Säugetiergruppe wurden. Die Insektenfresser werden für die älteste Ordnung der plazentalen Säugetiere gehalten (man beachte dazu allerdings den letzten Absatz dieses Artikels); sie weisen eine große Ähnlichkeit mit den frühen Fossilien auf.
Verbreitung
Die meisten Säugetiere sind Landlebewesen. Sie bewohnen sehr unterschiedliche Lebensräume, wie Wüsten, Tundren, Gebirge oder Tropenwälder. Zwei Ordnungen sowie mehrere Gattungen einer dritten Ordnung sind aquatische Tiere. Das Vorkommen der Kloakentiere ist auf Australien, Tasmanien und Neuguinea beschränkt. In den gleichen Regionen wie die Kloakentiere kommen auch Beuteltiere vor; von ihnen leben zwei Gruppen auch auf dem amerikanischen Kontinent. Zwei Ordnungen der Plazentatiere, Fledermäuse und Nagetiere, sind Bestandteile der Faunen aller Kontinente, außer der Antarktis.
Die Primaten sind in den meisten tropischen und subtropischen Regionen heimisch, außer in Australien. Insektenfresser, Hasentiere und Paarhufer kommen auf allen Kontinenten, außer Australien und der Antarktis vor. Unpaarhufer sind in Eurasien, Afrika und Südamerika beheimatet. Faultiere, Gürteltiere und Ameisenbären leben nur auf dem amerikanischen Kontinent. Riesengleitflieger sind in ihrem Vorkommen auf Malaysia, Indonesien, Borneo und die Philippinen beschränkt. Schuppentiere leben in Afrika und Asien, während Erdferkel nur in Afrika verbreitet sind. Zwei kleine Ordnungen, Elefanten und Klippschliefer, sind nur in den Faunen Asiens und Afrikas vertreten.
Systematische Einordnung:
Säugetiere werden nicht von allen Zoologen in gleicher Weise systematisch eingeordnet. Die Klasse Mammalia enthält etwa 4 600 rezente (in der Jetztzeit lebende) Arten. Sie wird im Allgemeinen in drei Unterklassen unterteilt: die Prototheria (Monotremata) oder Eier legenden Säugetiere, die Metatheria oder Marsupialia und die Eutheria (Placentalia) oder Plazentatiere. Zu den Kloakentieren gehören das Schnabeltier und die Schnabeligel Australiens, zu den Beuteltieren die Opossums aus Amerika und viele australische Säugetiere, wie Kängurus und Koalas.
Den Plazentatieren gehören die meisten Säugetierarten an. Plazentatiere werden im Allgemeinen in 18 Ordnungen unterteilt: (1) Insectivora, zu denen kleine Säugetiere wie Maulwürfe, Spitzmäuse, Tanreks und Igel gehören; (2) Dermoptera, die Riesengleitflieger; (3) Chiroptera, die Fledertiere; (4) Carnivora, die Raubtiere, zu denen Katzen, Schleichkatzen (u. a. Zibetkatze und Mungo), Hunde (mit Wölfen, Füchsen und Koyoten), Hyänen, Bären, Marder (Wiesel, Otter, Dachse, Skunks), Seehunde, Seelöwen und Walrosse gehören; (5) Macroscelidea, die Elefantenspitzmäuse; (6) Primates, zu denen Tupaias, Lemuren, Loris, Koboldmakis, Affen, Menschenaffen, Gibbons und der Mensch gehören; (7) Xenarthra, mit Gürteltieren, Faultieren und den drei Ameisenbären Amerikas; (8) Pholidota, die Schuppentiere; (9) Tubulidentata, die Erdferkel; (10) Rodentia, die Nagetiere, zu denen Eichhörnchen, Biber, Taschenratten, Taschenmäuse, Ratten, Mäuse, Maulwurfsratten, Bilche, Springmäuse, Stachelschweine, Meerschweinchen und Chinchillas gehören; (11) Lagomorpha, die Hasentiere, mit Kaninchen, Hasen und Pfeifhasen; (12) Sirenia, die Rundschwanzseekühe und Dugongs; (13) Cetacea, die Wale und Delphine; (14) Hyracoidea, die Klippschliefer; (15) Artiodactyla, die Paarhufer, mit Schweinen, Flusspferden, Kamelen, Lamas, Hirschferkeln, Hirschen, Giraffen, Gabelböcken, Rindern, Antilopen, Ziegen und Schafen; (16) Perissodactyla, die Unpaarhufer, mit Pferden, Nashörnern und Tapiren; (17) Scandentia, die Tupaias; und (18) Proboscidea, die Elefanten.
Nach 1997 publizierten Untersuchungsergebnissen läßt sich diese systematische Einteilung allerdings möglicherweise nur teilweise aufrecht erhalten. Wie DNA-Analysen zeigen, die an einer kalifornischen Universität durchgeführt wurden, muss die Ordnung der Insectivora (Insektenfresser) aufgelöst werden: Maulwürfe, Igel und Spitzmäuse, die bislang dieser Ordnung zugeordnet werden, scheinen untereinander nicht näher verwandt zu sein.